Wirtschaftsdesign Wie die Ökonomie von der Disziplin der Gestaltung lernen könnte Trotz aller Bemühungen, den Finanzsektor stärker zu regulieren, trotz aller Beteuerungen, dass die Wirtschaftskrise mit Milliardenpaketen saniert werden wird beschleicht mich ein Gefühl des Unbehagens. Die Krise liegt vermutlich tiefer oder woanders. Wir haben womöglich eine Grenze erreicht, die nicht nur unser Konsumverhalten und das Währungssystem stranguliert, sondern auch unsere Einstellung zu Leben, Umwelt und Erwartungen an die Gesellschaft verändert. Mein Unbehagen geht vom Primat des Wirtschaftswachstums aus. Die Politik verspricht gebetsmühlenartig, das Bruttoinlandsprodukt zu steigern: wir müssen es schaffen, erneut zu wachsen, damit der Wirtschaftsmotor wieder rund läuft. Politiker fürchten offenbar die Rezession wie der Teufel das Weihwasser. Dazu ein Gedankenexperiment: Nehmen wir an, die Wünsche der Politik gehen in Erfüllung und das BIP wächst moderat um 2% pro Jahr. Nach 50 Jahen hätten wir 270 Prozent erreicht und nach 100 Jahren 700 Prozent. Werden unsere Enkel so viel mehr produzieren und verbrauchen? Und unsere Urururenkel nach 200 Jahren? Können die dann mit 5200% endlich - was eigentlich? Stetiges Wachstum verhält sich exponentiell, auch wenn ihre Bezugsgrösse konstant bleibt. Als Menschen werden wir weiterhin nur 24 Stunden am Tag zur Verfügung haben. Und wir werden uns wohl weiterhin auf die Ressourcen einer Erde beschränken müssen, auf der jeder von uns ein Leben leben darf. Wir verbrauchen schon jetzt zu viel Energie und zu viel Rohstoffe. Ein Durchschnittsamerikaner hatte im Jahr 1999 238 kg Kupfer in Verwendung. Wenn man 2070 alle abbaubaren Kupferreserven auf 9 Milliarden Menschen aufteilen wollte, blieben für jeden 178kg (Exner/Lauk/Kulterer 2008: 41). Ein Österreicher verbraucht im Jahr knapp 200 Gigajoule an Energie, direkt durch Heizung, Treibstoff und indirekt durch konsumierte Waren und benutzte Infrastrukturen (Exner/Lauk/Kulterer 2008: 43). Dies entspricht einer Menge von 30 Kubikmeter Buchenholz, der auf einer Fläche von vier Fussballfeldern nachhaltig wächst. Nur ein Viertel der Österreicher könnten ihren Energiebedarf mit heimischem Wald decken (wenn wir annehmen, alle Flächen sind wertvolle Buche und könnten geerntet werden). Hier liegt auch schon der Hinweis, wohin wir unser Bemühen für ein quantitatives Wachstum wohl umleiten müssen. Wir müssen uns loslösen von einer einfachen Aufsummierung aller geldwerten Umsätze und Verbrauchsindikatoren hin zu einer Bewertung von Qualitäten, die wir erreichen wollen. Und das wird nicht ohne Kompromisse und auch Verzicht von statten gehen. Das BIP wird in Geldeinheiten bemessen. Es nimmt nur zur Kenntnis, was der Mensch durch den Einsatz von Rohstoffen und Energie produziert und bewertet nur jenen Teil der Arbeit, welcher mit Geld kompensiert wird. Das BIP blendet jene Leistungen aus, die die Natur schafft oder die wir unentgeltlich erbringen, etwa bei der Erziehung von Kindern. Gibt es denn keine besseren Bewertungsmethoden? Der "Measure of Economic Welfare" (MEW) wurde 1972 von Nordhaus und Tobin vorgestellt (Exner/Lauk/Kulterer 2008: 100) und zieht die Kosten der Urbanisierung, die Strassenerhaltung oder die Verteidigung ab, aber selbst dann bleibt ein Wachstum bestehen. Der "Index for Sustainable Development" (ISEW, präsentiert von Daly und Cobb 1989) basiert auf dem persönlichen Konsum, zählt öffentliche Ausgaben und Arbeit zu Hause dazu und zieht Umweltverbrauch ab. Das Ergebnis ist wenig verblüffend: für die USA nimmt der ISEW seit den achtziger Jahren ab. Anstatt nur Kosten sprechen zu lassen, wurden weitere Wohlstandsindikatoren entwickelt: etwa der "Social Well Being Factor" oder der "Happy Planet Index". In Burma ist ein "Bruttoglücksprodukt" für politische Entscheidungen massgeblich. Trotz der Vielzahl an Möglichkeiten, Wohlstand, Zufriedenheit und Umweltverträglichkeit zu prüfen, hält die Weltpolitik am BIP fest. In der Lissabon Strategie wurde die EU explizit zur Wachstumszone erklärt: sie muss zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten Wirtschaftsraum werden. In den meisten Parteiprogrammen finden sich ähnliche Formulierungen. Schon 1934 warnte der Erfinder des BIP, Simon Kuznet, vor der verkürzten Bedeutung der Höhe des Volkseinkommens. In den 60er Jahren präzisierte er: "Wenn es Ziele für ein höheres Wachstum gibt, sollte auch spezifiziert werden: mehr Wachstum wovon und wofür?" (Exner/Lauk/Kulterer 2008: 99) Es geht uns doch mehr als nur um Konsum: ja, wir wollen Wohlstand und Fortschritt, aber auch individuelles Glück, Friede, Gerechtigkeit, sozialen Zusammenhalt, Absicherung und Freiheiten und zwar unter geringstmöglichem Einsatz von einmaligen Ressourcen und fossiler Energie. Offenbar müssen wir uns von der Geisel der BIP-Spirale lösen und eine neue Orientierungshilfe schaffen, um unsere Ziele zu vermessen. Wenn wir von Informationen geblendet werden oder die Übersicht verlieren, können wir entweder die Augen verschliessen oder eine neue Gestaltung versuchen. Welches Designprinzip könnte uns helfen, eine ehrliche Bewertung relevanter Lebens- und Umweltaspekte zu erreichen und diese auch umzusetzen, wenn Zahlen alleine nichts ausrichten? Die Disziplin der Gestaltung versucht, Komplexität intelligent zu reduzieren und Medien in Form zu bringen. Der Prozess des Gestaltens ist geprägt von einer Mischung handwerklicher Fähigkeiten und Eingebung einerseits und dem Bestreben gestalterischen, kommunikatorischen und sozialen Zielen und Regeln zu folgen andererseits. Das Prinzip der Vereinfachung ist ein wesentliches Element der Gestaltungstheorie der 80er und 90er Jahre. Basierend auf Erkenntnissen der Wahrnehmungspsychologie versucht Gestaltung dabei, Information leicht verdaulich aufzubereiten. Hier setzt auch die Kritik am Prinzip der Simplifizierung an: Ohne Details verlieren Aussagen mitunter an Schärfe und Klarheit. Nun geht es darum, intelligent zu reduzieren, also durchaus Wege und Formen zu finden, welche auch Komplexität vermitteln und intelligent Zusammenhänge darstellen können. In dieser Herausforderung, die gute Gestaltung heute imstande ist in der Kommunikation zu leisten, besteht möglicherweise die Parallele zur Ökonomie, für die Reduktion noch immer nur einen Rückschritt bedeutet. Wir werden uns überlegen müssen, welche Ziele uns tatsächlich wichtig sind und wie wir sie erreichen können, ohne auf weiteres Wachstum des BIP zu setzen. Wenn Ökonomen auf qualitatives statt quantitatives Wachstum setzen, impliziert dies noch immer Wachstum mit ökonomischen Parametern. Wir müssen wohl einen radikaleren Schnitt wagen und in verschiedenen Lebensbereichen auch Einschränkungen zulassen. Mobilität ist uns wichtig, aber vermutlich können wir unseren Bewegungsradius auch enger ziehen, ohne Lebensqualität zu verlieren. Klar, wer um die 20 ist sollte mal raus, die Welt sehen und andere Kulturen kennenlernen. Aber das ganze leben lang mehrmals im Jahr wegfliegen, und wenn's nur für ein Wochenende ist? Die anderen Kulturen sind auch ums Eck oder beim Nachbarn, den wir noch nie besucht hatten oder auf einer Alm, auf der wir im Sommer mithelfen könnten. Für heftiges Fernweh gibt's immer noch die Bahn, die es in einer Nacht auch 1000 km weit schafft, während wir schlafen, und ohne Wartezeiten beim Einchecken oder am Gepäckband. Und lokale Wege lassen sich auch zu Fuss, mit Fahrrad oder Bus erledigen, sofern man nicht jedem Schnäppchen kilometerweit nachjagen will. Jedes Jahr ein neues Handy und eine neue Kamera? Vielleicht wollen wir gar keine neuen Gadgets mehr, sondern einfach nur telefonieren und Fotos machen. Möglicherweise sind wir einfach übersättigt mit Elektronik, in welche in immer kürzeren Abständen kostbare Rohstoffe (aus Minen in Afrika) verarbeitet ist und regelmässig als Sondermüll zu entsorgen wäre. Wenn wir trinken wollen, warum greifen wir nicht einfach zu Wasser? Vielleicht haben wir genug von Fruchtnektars und Energy-Drinks und wollen einfach nur unseren Durst stillen und keine Marken inhalieren. Unser Energieverbrauch ist zu hoch: Wir verbrennen zu viele fossile Brennstoffe und bei der Nutzung der Atomkraft ist das Problem der Endlagerung nach wie vor nicht gelöst. Also umstellen auf Holzheizung, im Winter auch in der Wohnung einen Pullover anziehen und nur jeden zweiten Tag duschen - damit sinkt der individuelle CO2-Fussabdruck sofort um mehr als die Hälfte. Andere Bereiche benötigen hingegen mehr Aufmerksamkeit: Pflege und Kinderbetreuung müssen wieder einen höheren Stellenwert bekommen. Und es gibt immer genug zu tun, um mehr Gerechtigkeit auf der Welt einzufordern. Zum Beispiel Mikrofinanzierungen für Frauen in Afrika unterstützen, damit diese ihre lokalen Geschäftstätigkeiten ausbauen können. Die Grameen Bank oder kiva.org zeigen, wie's gehen kann. Wegkommen vom Zwang zum Konsum, eine neue Balance finden: Frigga Haug beschreibt vier Lebensbereiche, in denen wir aktiv sein sollen: Erwerbsarbeit, Reproduktion (dazu gehören Haushalt und Kinderbetreuung), Bildung und Kultur und politisch aktiv sein (dies schliesst Gemeinwesenarbeit mit ein) [Alton 2007]. Das wäre wohl auch die soziale Übereinkunft, die an ein Grundeinkommen zu knüpfen wäre. Aber vielleicht ist ohnehin schon alles zu spät und es ist kein Zufall, dass Krisen unabwendbar sind und im Abstand einer Generation, die es nicht schafft, ihre Erfahrungen weiterzugeben, immer wieder kommen werden. Der Autor Jonathan Franzen erzählte in einem Interview von einer dunklen Vision, die wenig Anlass zur Hoffnung gibt: "Ich stelle mir vor, dass man Obama, sobald er zum Präsidenten gewählt wurde, zur Seite nahm und in einen kleinen, ruhigen Raum bat, wo er Platz nehmen durfte. In diesem Raum steht ein Regal mit Aktenordnern, die nur vom Präsidenten eingesehen werden dürfen, Obama konnte sie für einige Stunden in Ruhe studieren, mit allen Daten, Grafiken, Tabellen, und nach der Lektüre festigte sich in ihm die Gewissheit: Was auch immer ich tun werde, es steht nicht in meiner Macht, dieses Land oder die Welt vor einer Katastrophe zu bewahren, es ist zu spät, wir haben den Zeitpunkt verpasst, in dem eine langsame Verringerung sinnvoll und machbar gewesen wäre. Es wird harte, schmerzreiche, opferreiche Umwälzungen geben - und alles, was ich tun kann, ist, diesen Prozess so lange wie möglich zu verzögern." (Franzen 2009, 11) Referenzen Alton Juliane 2007: Vier in Einem. Blogbeitrag vom 19.11.2007. http://www.alton.at/juliane/julog/4in1 Exner Andreas, Lauk Christian, Kulterer Konstantin: Dee Grenzen des Kapitalismus - Wie wir am Wachstum scheitern. Wien (Ueberreuter) 2008. Franzen Jonathan 2009: Warum die Globalisierung eine Gefahr für den Roman ist. In einem Interview mit Wolfram Eilenberger in DIE ZEIT Literatur No 12 März 2009. HOME - a film by Yann Arthus-Bertrand Hacker Manifesto Buch Dieser Text ist bei Registered Commons hinterlegt mit RC-01-LIZ0000000829-8 mit der Lizenz CC-by-nc-sa-AT-3.0